Ich habe keine Ahnung von Mathematik. Dennoch war der Hauptgrund für meine Beschäftigung mit LaTeX die Möglichkeit des Formelsatzes. Beim Erstellen von Texten für blinde Schüler, die an allgemeinen Schulen integriert waren, war es problemlos, Texte in Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch und Latein zur Verfügung zu stellen, da die Schüler alle am Computer in Eurobraille arbeiteten.
In Physik und Mathematik gab es aber riesige Probleme. Manche arbeiteten mit der Stuttgarter Mathematikschrift, manche mit der Karlsruher, andere benutzten die Syntax von Mathematikprogrammen wie z.B. Derive. Daneben gab es einen Wildwuchs von individuell zwischen einzelnen Schülern und ihren Mathematiklehrern vereinbarten Codes. Selbst wer die Stuttgarter Mathematikschrift benutzte, fand es oft lästig, jeweils den notwendigen Zeichensatz in die Braillezeile und den Brailledrucker zu übertragen. Diese Schüler benutzten die Stuttgarter Mathematikschrift mit dem Standard ASCII Zeichensatz. Dieser Zustand war unbefriedigend.
Bei einer Diskussion zu dieser Problematik hörte ich von Uli Kalina zum ersten Mal bewußt das Wort LaTeX. Seine lange vorher veröffentlichten Anregungen zu diesem Thema hatte ich entweder nicht zur Kenntnis genommen oder ihre Bedeutung nicht begriffen. Erst die Arbeit im Textservice für blinde Schüler an allgemeinen Schulen weckte meine Aufmerksamkeit. Also kauften wir ein Buch über LaTeX und begannen, an unserer Schule mit LaTeX zu experimentieren.
Es klingt vielleicht absurd, aber den größten Vorteil von LaTeX als Mathematikschrift für Blinde sehe ich darin, dass es weder eine Mathematikschrift, noch eine Schrift für Blinde ist. LaTeX ist zunächst einmal ein weltweit verbreitetes Satzsystem für Sehende mit besonderen Stärken im Formelsatz, wodurch es sich auch als Mathematikschrift auf dem Computer verwenden läßt. Sehende und Blinde können den Quelltext mit jedem beliebigen Texteditor schreiben, lesen und bearbeiten. Dabei können sie für mathematische Ausdrücke den LaTeX-Code zunächst benutzen, ohne an LaTeX als Satzsystem zu denken. Blinde Schüler und ihre Lehrer können die mathematischen Ausdrücke leicht lernen und über die Computertastatur problemlos eingeben. Beide können für die tägliche Arbeit den Quelltext benutzen, ohne an die spätere Kompilierbarkeit zu denken. Strukturbefehle und mathematische Umgebungen werden weggelassen.
Als Satzsystem hat mich LaTeX zuerst nicht überzeugt. Es schien mir umständlich und antiquiert. Gerade zu diesem Zeitpunkt erhielt ich den Auftrag, für einen blinden Studenten die schriftlichen Aufgaben für die Realschullehrerprüfung im Fach Mathematik zu übertragen. Er arbeitete an einer allgemeinen Schule und erstellte alle Texte für sich und seine sehenden Schüler in LaTeX. Beim Übertragen der Prüfungsaufgaben stellte ich fest, dass dies ungeahnte Vorteile hatte. Obwohl ich manches mathematisch gar nicht verstand, konnte ich nach dem Kompilieren sofort sehen, ob ich die Aufgaben richtig übertragen hatte. Bei der Übertragung von Abituraufgaben in Marburger Systematik hatte ich immer ein mulmiges Gefühl gehabt.
Das Prüfungsamt konnte die Datei mit den Aufgaben, die der Student bekam, lesen und die Prüfer erhielten sofort nach der Prüfung die gedruckten Lösungen in Buchdruckqualität. Ein "`Dolmetscher"' war nicht nötig.
Auf Grund dieser Erfahrung bin ich der Ansicht, dass es sich für Blinde, die LaTeX als mathematischen Code benutzen, durchaus lohnt, sich auch mit LaTeX als Satzsystem zu befassen.
Man kann die Befehle relativ schnell lernen, die nötig sind, um einen perfekten Schwarzschriftausdruck zu erzeugen. Der Vorteil: Bei LaTeX behalten auch Blinde immer die Kontrolle über das Layout des Schwarzschriftdokumentes. Die Befehle zur Gestaltung des Dokumentes stehen direkt im Text. Wer ihre Bedeutung kennt, weiß wie sie sich auswirken und dass sie von LaTeX nach allen Regeln der Buchdruckerkunst umgesetzt werden.
So gesehen ist LaTeX vielleicht die ideale Textverarbeitung für Blinde, unter dem Motto: "`What you say is what you get"'. Man muss LaTeX eben nur sagen, was man will. Dagegen war der Slogan: "`What you see is what you get"' für Blinde schon immer eine zweifelhafte Verheißung.
Der Einwand, dass die DVI-Dateien, von LaTeX nur von Eingeweihten betrachtet und ausgedruckt werden können, gilt übrigens längst nicht mehr. Aus dem gleichen Quelltext kann man auch PDF-Dateien erzeugen und es gibt heute kaum einen Windows Rechner, auf dem der Acrobat Reader nicht installiert ist. Damit kann jeder Sehende die PDF-Dateien anzeigen und drucken. Auch zu HTML gibt es Schnittstellen und Folien für Präsentationen können ebenso mit LaTeX erstellt werden.